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Gefahrensymbole im Sicherheitsdatenblatt: Bedeutung, Systematik und Praxis

Lesezeitca. 10 Minuten

Die neun GHS-Piktogramme im Sicherheitsdatenblatt sind keine Dekoration. Sie verdichten komplexe Einstufungsinformationen in ein sofort lesbares Signal – und wer sie falsch liest oder im Betrieb übergeht, riskiert mehr als einen Formfehler. Dabei ist die eigentliche Herausforderung selten das Erkennen eines Totenkopfs oder einer Flamme. Das Problem liegt im Detail: Welche Gefahr ist konkret gemeint? Was folgt daraus für Schutzmaßnahmen, Lagerung und Unterweisung? Dieser Beitrag erklärt die Piktogramme systematisch – mit dem Blick auf das, was in der betrieblichen Praxis tatsächlich zählt.

Woher kommen die Gefahrenpiktogramme – GHS, CLP und der Zusammenhang

Die heute gebräuchlichen Gefahrenpiktogramme stammen aus dem GHS – dem Globally Harmonized System of Classification and Labelling of Chemicals. Das GHS ist ein UN-System, das weltweit eine einheitliche Kennzeichnung gefährlicher Stoffe ermöglichen soll. In der Europäischen Union wurde es durch die CLP-Verordnung (Regulation (EC) No 1272/2008) in Rechtsverbindlichkeit überführt. Seit 2015 gilt CLP verbindlich für alle Stoffe und Gemische.

Die Piktogramme ersetzen die alten orangefarbenen Gefahrensymbole des früheren EU-Rechts. Wer in seinem Betrieb noch Sicherheitsdatenblätter mit diesen alten Quadratsymbolen im Umlauf hat, sollte deren Aktualität prüfen – denn ein veraltetes SDS kann in einer Gefährdungsbeurteilung oder einem Audit zum Problem werden. Dazu passt ergänzend der Beitrag REACH, CLP & GHS: Die rechtlichen Grundlagen hinter Sicherheitsdatenblättern.

Im SDS tauchen die Piktogramme im Abschnitt 2 auf (Mögliche Gefahren). Dort sind sie zusammen mit dem Signalwort, den H-Sätzen und P-Sätzen aufgeführt. Das Zusammenspiel dieser Elemente ist entscheidend: Ein einzelnes Piktogramm ist immer nur der erste Hinweis – die H-Sätze liefern die notwendige Tiefe.

Schnellreferenz: Die neun GHS-Piktogramme

Die folgende Tabelle gibt einen kompakten Überblick über alle neun Piktogramme, bevor die einzelnen Symbole im Detail erläutert werden.

Code Symbol Name Gefahrenklassen (Auswahl) Typisches Beispiel
GHS01 GHS01 Explodierende Bombe Explodierende Bombe Explosive Stoffe, selbstzersetzliche Stoffe, organische Peroxide Härtungsmittel, Peroxid-Reiniger
GHS02 GHS02 Flamme Flamme Entzündbare Flüssigkeiten, Gase, Aerosole, Feststoffe Lösemittel, Reinigungsmittel
GHS03 GHS03 Flamme über Kreis Flamme über Kreis Oxidierende Stoffe und Gemische Bleichmittel, Desinfektionsmittel
GHS04 GHS04 Gasflasche Gasflasche Gase unter Druck Druckluft, Stickstoff, Kältegase
GHS05 GHS05 Ätzwirkung Ätzwirkung Ätzende Stoffe (Haut/Augen), Metallkorrosion Industriereiniger mit Säureanteil
GHS06 GHS06 Totenkopf mit gekreuzten Knochen Totenkopf Akute Toxizität Kat. 1–3 Hochkonzentrierte Lösemittel, Pestizide
GHS07 GHS07 Ausrufezeichen Ausrufezeichen Hautreizung, Augenreizung, Hautsensibilisierung, akute Toxizität Kat. 4 Viele Alltagsreiniger, Lösemittelgemische
GHS08 GHS08 Gesundheitsgefahr Gesundheitsgefahr Karzinogenität, Mutagenität, Reproduktionstoxizität, Atemwegssensibilisierung, Organschädigung Lösemittelbasierte Klebstoffe, Isocyanate
GHS09 GHS09 Umwelt – gewässergefährdend Umwelt Gewässergefährdende Stoffe bestimmte Kühlschmierstoffe, Hydrauliköle

Die neun GHS-Piktogramme im Überblick

Alle neun GHS-Piktogramme sind rautenförmig mit rotem Rahmen und weißem Hintergrund. Das schwarze Symbol in der Mitte trägt die eigentliche Information. Jedes Piktogramm hat einen offiziellen Code (GHS01 bis GHS09), der im Sicherheitsdatenblatt erscheinen kann.

GHS01 – Explodierende Bombe

Steht für explosive Stoffe, selbstzersetzliche Stoffe und organische Peroxide. Ein typisches Beispiel aus dem Betrieb: Reiniger mit hohem Peroxidanteil oder Härtungsmittel in der Lackierung können dieses Piktogramm tragen. Die Konsequenz ist direkt: besondere Lagervorschriften, kein Kontakt mit Wärme- oder Zündquellen, klare Trennung zu anderen Gefahrstoffgruppen.

GHS02 – Flamme

Entzündbare Flüssigkeiten, Gase, Aerosole und Feststoffe. In produzierenden Betrieben das mit Abstand häufigste Piktogramm – Lösemittel, Reinigungsmittel, Kühlschmierstoffe. Wichtig dabei: GHS02 allein sagt noch nichts über den konkreten Flammpunkt aus. Dafür braucht es Abschnitt 9 des SDS.

GHS03 – Flamme über Kreis

Kennzeichnet oxidierende Stoffe und Gemische. Diese können andere brennbare Stoffe entzünden oder einen Brand verstärken. Häufig bei Bleichmitteln, Desinfektionsmitteln oder bestimmten Metallbearbeitungsölen. Kritisch wird es, wenn GHS03-Stoffe gemeinsam mit GHS02-Stoffen gelagert werden – eine Kombination, die im Gefahrstofflager zur Pflichtfrage wird.

GHS04 – Gasflasche

Steht für Gase unter Druck: verdichtete, verflüssigte, gelöste oder tiefgekühlt verflüssigte Gase. Auch nicht-toxische Gase wie Stickstoff tragen dieses Piktogramm. Die Hauptgefahr liegt hier weniger in der chemischen Wirkung als in der physikalischen: Druckentlastung, Erstickungsgefahr durch Sauerstoffverdrängung, Kälteverbrennungen bei Kältegasen.

GHS05 – Ätzwirkung

Kennzeichnet ätzende Stoffe gegenüber Haut und Augen sowie Metallen. Letzteres ist in der betrieblichen Praxis ein oft übersehener Aspekt: Stoffe mit Metallkorrosionswirkung können Leitungen, Behälter und Lagerinfrastruktur angreifen – die Materialverträglichkeit von Tanks, Rohrleitungen und Auffangwannen ist daher explizit zu prüfen. Ein typischer Praxisfall für die Schutzausrüstung: Ein Reiniger für Industrieanlagen enthält konzentrierte Säure und trägt GHS05. Wird das SDS nicht gelesen oder nicht in die Betriebsanweisung übertragen, arbeiten Mitarbeiter unter Umständen ohne geeignete Schutzbrille oder ohne säurebeständige Handschuhe – obwohl das SDS beides explizit vorschreibt.

GHS06 – Totenkopf

Steht für akute Toxizität – Stoffe, die bei einmaliger oder kurzfristiger Exposition schwere Gesundheitsschäden oder den Tod verursachen können. Die Kategorien 1 bis 3 (sehr giftig bis giftig) tragen dieses Symbol. Hier ist besondere Sorgfalt bei Zugang, Kennzeichnung und Unterweisung gefragt.

GHS07 – Ausrufezeichen

Das vielleicht unterschätzteste Piktogramm: Es deckt ein breites Spektrum ab – Hautreizungen, Augenreizungen, Hautsensibilisierung sowie akute Toxizität der Kategorie 4. Das Ausrufezeichen signalisiert: keine unmittelbare Lebensgefahr, aber klare Gesundheitsrelevanz. In der Praxis wird es oft als weniger ernst eingestuft. Das ist ein Fehler, besonders bei Stoffen mit Hautsensibilisierungspotenzial. Wichtig zur Abgrenzung: Die Sensibilisierung der Atemwege fällt nicht unter GHS07, sondern unter GHS08 – beide Endpunkte erfordern Schutzmaßnahmen, aber über unterschiedliche Gefahrenklassen.

GHS08 – Gesundheitsgefahr

Steht für schwerwiegende chronische oder systemische Gesundheitsgefahren: krebserzeugende, keimzellmutagene oder reproduktionstoxische Stoffe, aber auch Stoffe, die Organe schädigen oder die Atemwege sensibilisieren. Atemwegssensibilisatoren – etwa Isocyanate oder bestimmte Metalle – sind damit ausdrücklich GHS08 zuzuordnen, nicht GHS07. GHS08 ist in der Praxis das Piktogramm mit dem höchsten Informationsbedarf – der Abschnitt 11 des SDS (Toxikologische Angaben) ist hier besonders sorgfältig zu lesen.

GHS09 – Umwelt

Kennzeichnet gewässergefährdende Stoffe. In der Gefährdungsbeurteilung oft nur am Rand betrachtet – aber für Betriebe mit Einleitpflichten, Abwasseranlagen oder Außenlagern relevant. Abwehr- und Rückhaltemaßnahmen sind hier nicht optional.

Signalwörter: Was „Gefahr" und „Achtung" unterscheidet

Eng mit den Piktogrammen verbunden sind die beiden Signalwörter, die in Abschnitt 2 des SDS erscheinen: „Gefahr" und „Achtung". Sie spiegeln die Schwere der Einstufung wider und ergeben sich direkt aus den Gefahrenklassen und -kategorien.

Gefahr steht für die schwereren Kategorien innerhalb einer Gefahrenklasse – also zum Beispiel entzündbare Flüssigkeiten der Kategorie 1 oder akute Toxizität der Kategorie 1 bis 2. Achtung steht für weniger schwere Kategorien derselben Klasse. Damit ist das Signalwort ein schneller erster Filter: Produkte mit dem Signalwort „Gefahr" erfordern in aller Regel strengere Schutzmaßnahmen, klarere Zugangsregelungen und eine sorgfältigere Ableitung in Betriebsanweisungen.

Ein häufiger Fehler in der Praxis: Das Signalwort wird notiert, aber nicht mit der Einstufung verknüpft. Wer weiß, dass „Gefahr" die höhere Stufe ist, kann bei neuen oder geänderten SDS schneller erkennen, ob sich etwas Wesentliches verändert hat – zum Beispiel wenn ein Lieferant das Produkt umformuliert und das Signalwort wechselt.

Mehrere Piktogramme auf einem SDS – was das bedeutet

In der Praxis trägt ein Stoff oder ein Gemisch häufig mehrere Piktogramme gleichzeitig. Ein lösemittelbasierter Klebstoff kann gleichzeitig GHS02 (entzündbar), GHS07 (Reizwirkung) und GHS08 (chronische Gesundheitsgefahr) tragen. Das ist kein Redaktionsfehler im SDS, sondern Ausdruck des tatsächlichen Gefahrenprofils.

Für den betrieblichen Umgang bedeutet das: Die Schutzmaßnahmen müssen alle relevanten Gefahren abdecken. Ein typischer Fehler entsteht, wenn eine Betriebsanweisung nur die offensichtlichste Gefahr aufgreift – beispielsweise die Entzündbarkeit – und dabei GHS08 übergeht, obwohl das Produkt ein Sensibilisierungspotenzial für die Atemwege hat.

Wie aus den SDS-Informationen konkrete Regeln für den Arbeitsplatz werden, beschreibt auch der Beitrag Betriebsanweisung vs. Sicherheitsdatenblatt: Was ist der Unterschied?.

Wo Piktogramme im betrieblichen Alltag zum Problem werden

Das eigentliche Risiko liegt selten darin, dass niemand die Symbole kennt. Es liegt darin, dass Piktogramme zwar gesehen, aber nicht ausgewertet werden – oder dass Änderungen im SDS unbemerkt bleiben.

Ein konkretes Beispiel: Ein Reinigungsmittel wird weiterhin unter derselben Artikelnummer geliefert. Im Einkauf fällt zunächst nichts auf. Das neue SDS enthält jedoch eine geänderte Einstufung – GHS08 ist hinzugekommen, weil der Hersteller einen Inhaltsstoff neu klassifiziert hat. In keiner Betriebsanweisung, keiner Unterweisung und keiner Schutzausrüstungsregelung ist diese Information angekommen. Der Betrieb arbeitet weiter wie zuvor, obwohl sich das Gefahrenprofil des Produkts verändert hat.

Genau an diesem Punkt – Versionsänderungen erkennen, Piktogramme und H-Sätze vergleichen, betroffene Bereiche informieren – entsteht der größte operative Aufwand. Wenn dieser Vergleich bislang manuell zwischen PDF-Versionen stattfindet, kann eine strukturierte Lösung wie SDS Engine helfen, Änderungen systematisch zu erkennen und nachzuverfolgen – ohne den fachlichen Review zu ersetzen.

Checkliste: Piktogramme im SDS richtig auswerten

Die folgende Checkliste unterstützt beim strukturierten Umgang mit Gefahrenpiktogrammen im betrieblichen Kontext. Sie ersetzt keine Gefährdungsbeurteilung, hilft aber beim ersten Einordnen.

  1. Alle Piktogramme in Abschnitt 2 erfassen: Nicht nur das auffälligste Symbol notieren, sondern alle vorhandenen Piktogramme systematisch aufnehmen.
  2. Signalwort prüfen: Steht dort „Gefahr" oder „Achtung"? Das gibt eine erste Einordnung der Schwere.
  3. H-Sätze zu jedem Piktogramm lesen: Die Piktogramme zeigen die Gefahrenklasse, die H-Sätze die konkrete Wirkung. Beides zusammen ergibt den Handlungsbedarf.
  4. Abschnitt 8 konsultieren: Welche persönliche Schutzausrüstung ist vorgeschrieben? Handschuhe, Atemschutz, Schutzbrille – das steht nicht im Piktogramm, sondern dort.
  5. Abschnitt 7 auf Lagerhinweise prüfen: Besonders relevant bei GHS01, GHS02, GHS03 – Trennung von anderen Gefahrstoffgruppen, Temperaturgrenzen, Belüftung.
  6. Bei GHS05: Materialverträglichkeit prüfen: Neben Hautschutz auch Behälter, Leitungen und Auffangwannen auf Beständigkeit gegenüber dem Stoff prüfen.
  7. GHS07 und GHS08 klar unterscheiden: Hautsensibilisierung liegt bei GHS07, Atemwegssensibilisierung bei GHS08. Beide erfordern Schutzmaßnahmen – aber unterschiedliche.
  8. Piktogramme beim Versionswechsel vergleichen: Hat sich ein Piktogramm geändert oder ist eines hinzugekommen? Das ist ein klares Signal für Prüfbedarf in Betriebsanweisung und Unterweisung.
  9. GHS08 nicht unterschätzen: Chronische Gefahren erscheinen im Alltag weniger dringlich. Für die Gefährdungsbeurteilung sind sie aber genauso relevant wie akute.
  10. GHS09 bei Lagerung und Entsorgung berücksichtigen: Rückhaltemaßnahmen, Einleitervorschriften und Entsorgungswege hängen direkt davon ab.

Piktogramme als Einstieg – nicht als Endpunkt der Auswertung

Gefahrenpiktogramme sind ein gut durchdachtes Kommunikationswerkzeug. Sie machen auf einen Blick sichtbar, mit welcher Art von Gefahr man es zu tun hat. Aber sie sind ein Einstieg, kein Abschluss. Wer ein SDS auswertet, um daraus Schutzmaßnahmen, Betriebsanweisungen oder Lagerkonzepte abzuleiten, muss tiefer in die H-Sätze, die toxikologischen Angaben und die Schutzmaßnahmen einsteigen.

Das gilt besonders dann, wenn ein Betrieb viele Produkte verwaltet und Änderungen im laufenden Betrieb kaum auffallen. Nicht das Fehlen von Piktogrammen ist das häufigste Problem – sondern dass ihre Änderung im Versionssprung eines SDS unbemerkt bleibt und damit veraltete Maßnahmen im Betrieb weiterleben. Wer seinen SDS-Bestand systematisch pflegt und Versionsvergleiche strukturiert durchführt, hat hier einen klaren Vorteil gegenüber einer unsortierten PDF-Ablage.

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